Topic-icon Ad Grubner: Analogiespiele

  • Detlef Kannapin
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21 Mär 2016 15:31 #35 von Detlef Kannapin
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Ja, in der Tat: Diese Besprechung ist äußerst hebend.
Unmittelbar vor der Lektüre vollendete ich, wie folgt:
Liebe Hacks-Freunde,
gestern Abend ist es mir gelungen, die von mir mit ihrem wahren Titel ausgestattete Arbeit von B. Grubner anhand der Seiten 269-393 zu Ende zu durchdenken. Das frühere Urteil (siehe unten) kann höchstens noch geschärft werden ("High definition"?). Heute morgen sehe ich eine Rezension von Kai Köhler und denke sofort: Eigentlich kann ich mir alles Weitere sparen. Um mich nicht völlig unmöglich zu machen und trotzdem die eigene Ansicht zu vertreten, ist beschlossen worden, selbige zunächst mitzuteilen und dann die Kritik von K.K. zu lesen. Also:
1. Der Abschlusssatz des Bandes ist unnötig kokett und deplatziert. Wer vorher so substantiell arbeitet, muss doch nicht schwänzelnd danach fragen, ob das "Paradies der Klassizität" wartet. Es ist doch schon da. Wenn ich nicht Nikita Specht wäre, dann wäre ich gern ein Buch mit dem irreführenden Titel "Analogiespiele", weil ich dann wüsste, dass mich ab jetzt alle vernunftbegabten Wesen, die am Sozialismus interessiert sind, aufblättern und aufmerksam lesen müssen. Unter dem geht es nicht. (Privatim: Im Verhältnis zu diesem Buch war meine Doktorarbeit damals Sklavensprache plus Pro-Revisionismus, aber das ist über 10 Jahre her.)
2. Georg Lukács hat in "Die Gegenwartsbedeutung des kritischen Realismus" 1956 sinngemäß vorausgesehen, dass, wenn man nicht aufpasst, nichtantagonistische Widersprüche auch in antagonistische zurückfallen können. Das ist schließlich passiert, und Grubners Werk ist der beste Kommentar dazu.
3. Kracauer: Ich habe das letztens nicht umsonst geschrieben. Die Autorin vermeidet die chronische Krankheit des gesamten Wissenschaftsbetriebs, dem Dilemma von heillosem Relativismus und sinnloser Stoffanhäufung aufzusitzen ("Die Wissenschaftskrisis" 1923). Und wenn sie überführt wird, die hohe Akademie, wie letztens von Hamm vor der Goethe-Gesellschaft (mir wurde berichtet), dann ist sie beleidigt und straft mit Exklusion. Es ist zu hoffen, dass die Leibniz-Professur nicht in Singapur angenommen werden muss.
4. Der Medien-Aufsatz (S.304-306) war leider nicht ihr Thema. Trotzdem: Der "Homo Mediarum" ist nicht Heiner Müller. Das wäre zu billig. Den "optischen Puschel" haben andere auch, und die Gemeinplätze des H.M. sind generalisierbar. Viel wichtiger ist Hacks' Mitteilung, dass die begründete Wissenschaft gar nicht mehr nach den Absendern von Informationen fragt. Und überhaupt: Gottlieb Hiller ist doch der ideale Vertreter. Müller selber hat in den Interviews mit Kluge auch gar nichts mehr gesagt, sondern nur noch gebrabbelt.
5. Gleiche Bedeutung wie der Abschnitt zu den "Binsen" - die russische Trilogie (S.343-362): Wer erfahren will, wie kommunistische Schauspiele heute aussehen müssen, ist auf diese drei Stücke verwiesen. Und auch hier erinnert die Autorin an ein Gesetz: "Es ist gesagt worden, die höchste Form der Dummheit im Staat sei die ungezügelte Auseinandersetzung der Meinungen." (S.353) Der 4. Akt in "Bojarenschlacht" ist darüber hinaus das Manifest der kommunistischen Dramatik, solange, bis jemand kommt und es besser macht.
6. Lassen wir zum Schluss die FAZ sprechen: "Kein kommunistischer Schriftsteller dürfte unter Linken so unbeliebt sein wie Peter Hacks." Dann kann man nur raten, sich weiter völlig unbeliebt zu machen, wo auch immer. An der Verallgemeinerung des Wissens über die einzige Haltung zur Welt, die zählt, kann mit Hilfe des vorliegenden Buches getrost gearbeitet werden.
RF, DK

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21 Mär 2016 11:06 #33 von Johannes
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Hier auch eine sehr hebende Rezension von Kai Köhler zu Grubner und Weber in der JungenWelt, aus Anlass des 88. Geburtstages von Hacks:

www.jungewelt.de/2016/03-21/070.php

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  • Detlef Kannapin
  • Detlef Kannapins Avatar Autor
09 Mär 2016 18:21 #28 von Detlef Kannapin
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Liebe Hacks-Freunde,
ich habe das Wochenende bzw. die Zwischenzeiten des Familienlebens dazu nutzen können, in dem Buch "Analogiespiele" von Bernadette Grubner die Seiten 1-269 durchzuarbeiten. Mein (durchaus objektives, wenn auch) kursorisches Fazit dieses Teils lautet:
a) Der Titel ist irreführend. Sein eigentlicher lautet: "Geschichte des Sozialismus im allgemeinen und der DDR als relativ eigenständiger Formation im besonderen unter Berücksichtigung der maßgeblichen Literaturdiskussion". Da, wie man weiß, ein Titel kein Inhaltsverzeichnis ist, und die Sperrigkeit des tatsächlichen Titels ins Auge springt, hat die Autorin eben jenen anderen gewählt. (Es kann nur vermutet werden, dass auch ideologische Wachsamkeitsgründe zu der Wahl beigetragen haben. Das Spiel mit Analogien verweist jedenfalls nicht mit dem Holzhammer auf die Feinjustierung des sozialistischen Realismus.)
b) Hauptaussage 1: Der Dichter Peter Hacks ist der bedeutendste deutschsprachige Dramatiker der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts - was eindeutig nachgewiesen wurde.
c) Hauptaussage 2: Der Dichter Peter Hacks ist gleichzeitig der bedeutendste deutschsprachige politische Dramatiker der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Eine Trennung der ästhetischen und politischen Ansichten des Dichters ist nicht möglich - was ebenfalls eindeutig nachgewiesen wurde.
d) Hauptaussage 3: Romantisches Denken ist keine Literaturform, sondern eine politische Haltung - was ebenfalls eindeutig nachgewiesen wurde.
e) Wenn es nur den Abschnitt über "Die Binsen" geben würde, wäre das allein Anlass genug zur Lobhudelei. Was jetzt geleistet werden müsste, wäre der Nachweis der Binsengeherei im politischen System der UdSSR und ihre Verbindung zu Zeitpunkt und Personal der Selbstaufgabe.
f) Die Hauptlinie der Oppositionellen im Sozialismus: Sie wollen den Staat abschaffen und trotzdem von ihm subventioniert werden. Schön erkannt.
g) Hervorstechend ist der nahezu tonlose, amoralische, unsentimentale und schön lakonische Stil der Arbeit, der Kunst dort ist, wo sie rational hingehört und hier kunstfremd bleibt, wo es sich ziemt. Man braucht nach den seltenen Vorbildern nicht lange zu suchen: Georg Lukács und Siegfried Kracauer. Einmal mehr bestätigt sich: Gute Wissenschaft MUSS gleichzeitig gute Literatur sein. (Höchstens die oftmalige Verwendung des Terminus "Engführung" scheint mir etwas überstrapaziert, aber ein solcher Einwand führt angesichts des Vorherigen natürlich etwas zu weit.)
Ich bitte allerdings, dieses Urteil als vorläufiges zu nehmen: Es ist erst hier in der Welt, und das reicht nicht.
h) Für diese Arbeit ist vom imperialistischen Wissenschaftsbetrieb keine Gegenliebe zu erwarten. Den Fähigkeiten entsprechend wäre die sofortige Berufung der Autorin an die Allgemeinbildende Volksuniversität Gottfried Wilhelm Leibniz Berlin als Professorin für die Geschichte der Literatur des 20. Jahrhunderts zwangsläufig, aber nun ja.
RF, DK
PS: Von Weber erwarte ich das Gleiche. Hier habe ich bisher nur das Biermann-Kapitel gelesen, mit der interessanten Einlassung, dass ausgerechnet H. Müller zur Tagesordnung übergehen wollte. Er war also schon 1976/77 ein BRD-Autor.
PPS: Notiz zu Trilse: Dieses Elaborat ist eine Sauerei, da es mit ALLEN romantischen Mitteln den Gegenstand verfehlt (ihn als Autor natürlich nicht). Hacks wird tatsächlich als "Ironiker" geschmäht und auch ansonsten nur gefleddert. Dafür steht der Monteur dieser Satzfetzen auf seiner kleinen Kommandobrücke und gibt den moralsauren Schüttdecker. Warum nur fällt mir eigentlich immer Gottlieb Hiller ein?
In diesem Sinne, nochmal RF, DK

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