Eine Pinselei

Peter Hacks wollte eine Lesung von Thomas Mann in München besuchen und fand sie ausverkauft. Er bezog an der Eingangstür Posten, und als der Dichter erschien, hielt er ihm das Couvert eines Briefes entgegen, das er für den Notfall eingesteckt hatte. Sie lassen mich nicht hinein, klagte er, beleidigt, wie er sich fühlte.

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Im Gespräch auf der 15. Hacks-Tagung: Marie Hewelt und Ruben Luckardt auf dem Podium, Dr. Silke Flegel als Moderatorin am Pult (Quelle: OSKINO Berlin/B. Schmidtke)In Berlin hat am Sonnabend die 15. wissenschaftliche Tagung der Peter-Hacks-Gesellschaft stattgefunden. Insgesamt sieben Vorträge befassten sich unter dem Thema »›Als man begriff, daß er unschlagbar wär‹ – Hacks und Goethe« mit der Bedeutung Goethes für das Werk von Peter Hacks. Am Vorabend hatten Teilnehmer und Gäste der Tagung Gelegenheit, sich bei einer Lesung von Hacks’ Essay »Saure Feste« auf die Konferenz einzustimmen.

 

Berlin, 07.11.2022.

Die 15. Wissenschaftliche Tagung der Peter-Hacks-Gesellschaft hat, soweit man das den bisherigen Reaktionen entnehmen kann, mit großem Erfolg stattgefunden. Die Beteiligung war vor Ort ebenso wie online erfreulich groß, die Themenwahl hat sich in erhofftem Maße als fruchtbar erwiesen.

Ralf Klausnitzer von der Humboldt-Universität zu Berlin gab einen instruktiven Einblick in die Auffassungen, die der junge Hacks von Goethe hegte und in seiner genialischen Seminararbeit über Thomas Manns Roman »Lotte in Berlin« entwickelte. Der Beitrag von Heinz Hamm zeigte, dass die Sympathie für Napoleon bei Goethe mit der Zeit nachließ, nicht aber die für seine weltgeschichtliche Rolle. Im Gegensatz dazu sei Hacks auch späterhin nicht bereit gewesen, die Schattenseiten des Kaisers, europaweite Ausbeutung und Unterdrückung, zu sehen. Die Ideologen der Befreiungskriege habe Hacks deshalb einseitig negativ bewertet und damit seinem Kampf gegen die Romantik Eintrag getan.

Felix Bartels stellte den gesellschaftspolitischen und poetologischen Nutzen dar, den sowohl Goethe wie Hacks aus ihren Definitionsbemühungen um den klassischen Nationalautor zogen. Neben Ähnlichkeiten in ihrer Herangehensweise fand er die Präzisierungen bei Hacks heraus und bezeichnete den entscheidenden Unterschied als den zwischen dem Bezug auf die gesellschaftliche Entwicklungsstufe bei Goethe und dem auf die Form der gesellschaftlichen Bewegung bei Hacks. In Jürgen Pelzers Vortrag konnte die Verbindung zwischen Goethe und Hacks in Heine personalisiert werden, der für Hacksens Dichtweise zeitlebens ein prägendes Vorbild gewesen ist und der, von Zeitgenossen wie Nachgeborenen zumeist der Romantik zugeschlagen, Hacks wohl mit guten Gründen als Klassiker galt.

Zwei Referenten aus Bochum, die Studenten Marie Hewelt und Ruben Luckardt, untersuchten das Erfolgsstück »Gespräch im Hause Stein …« im Hinblick auf die Stellung Charlottes im Stück und bei Hacks nach und folgten insbesondere dem Hinweis von Hacks auf die ökonomische Grundierung des Verhältnisses zwischen Goethe und Charlotte, die sich aus dessen staatsmännischen Aufgaben und ihrer ständischen Position als Gutsherrin ergab. In Heidi Ritters Beitrag zum »Jahrmarktsfest zu Plundersweilern« wird das Stück als explizite Wendung zu Goethe (und einen mild-strengen Klassiszismus) und trotz Genreunbestimmtheit als ein Ausweis der von Hacks propagierten »sozialistischen Klassik« interpretiert und mit Goethes Text verglichen. Sie, eine Pionierin der Hacks-Forschung, betont dabei besonders die »Theatertauglichkeit« des Stücks.

Am Ende der Tagung stand ein begeistert-begeisternder Vortrag von Ralf Meyer, der dem Publikum Hacksens »Pandora« – ebenfalls im Vergleich mit Goethes Dramentext und durch Gegenüberstellung der Hauptfiguren Prometheus und Epimetheus – vorstellte. Er überzeugte durch genaue Stückanalysen (Fabel, Versbau, Figurenkonstellation), erörterte die Probleme von Bearbeitungen und die der Gattung Festspiel und setzte sich mit der vermeintlichen Unspielbarkeit des Stücks auseinander. Er belegte mit seinem Beitrag die Bemerkungen in Goethes Essay »Saure Feste« aus theaterpraktischer Perspektive und konnte zeigen, wie Hacks Goethe versteht und was das 20. Jahrhundert zu Goethes Weltbild zu sagen hat. Ausgewählte Beiträge der Tagung werden im Hacks-Jahrbuch 2023 publiziert, das voraussichtlich im Vorfeld der Tagung im kommenden Jahr erscheint. Dementsprechend ist pünktlich, wenngleich recht knapp vor der diesjährigen Tagung das umfangreiche Jahrbuch 2022 ausgeliefert worden.

Am Vorabend hatten sich die Tagungsorganisatoren diesmal für eine Lesung entschieden und sinnvollerweise den Essay »Saure Feste« gewählt, der gut ins Tagungsthema einführte, dessen Klammer Ralf Meyer dann auf so fulminante Weise schloss. Für die Lesung im Theater im Palais, eingerichtet von Regisseur Jens Mehrle, erntete Thomas Neumann verdienten langen Applaus.

»Allen, die hier und bei Vorbereitung und Durchführung der diesjährigen Tagung beteiligt waren, sei herzlich gedankt« sagt der Vorsitzende der Peter-Hacks-Gesellschaft Dr. Matthias Oehme und weiter: »Ein besonderer Dank gilt dabei dem Team der Hacks-Gesellschaft für die Organisationsleistungen, nicht minder den Theatermachern, die den Vorabend zu einer das Tagungsthema hervorragend präludierenden Veranstaltung gemacht haben.«

Im kommenden Jahr soll die dann 16. Peter-Hacks-Tagung am 3. und 4. November stattfinden, das Tagungsthema dann: »›Die Aussichten im Tunnel‹ – Peter Hacks und das werdende Ende der DDR«. (moe)