Tagung 2017

»Der erste Schritt ist allemal ein Stolpern«. Hacks und Revolutionmagnushaus
Zehnte wissenschaftliche Tagung zu Werk und Leben von Peter Hacks

Termin: Sonnabend, 4.11.2017, 10 bis 18 Uhr
Ort:  Magnus-Haus, Berlin
Am Kupfergraben 7, 10117 Berlin-Mitte

 

Erste Vortragsrunde, 10 Uhr bis 13.30 Uhr
Moderation: Dr. Detlef Kannapin

 

10.15 Uhr, Dr. Klaus Rek
Revolution und Postrevolution.
Zu Hacks’ Revolutionsbegriff und zu seinem Verhältnis
zu revolutionären historischen Umwälzungsprozessen

Anhand der poetischen Werke und Schriften und der veröffentlichten Teile des Briefwechsels soll der Versuch einer Zusammenschau zum Thema des Hacksschen Verhältnisses zum Begriff der Revolution und zu realhistorischen revolutionären Umwälzungsprozessen unternommen werden. Leitende Fragestellung ist die nach Kontinuitäten und Wandel im Kontext etwa von biographischen Entscheidungen wie der Übersiedlung in die DDR oder historischen Entwicklungen bzw. Ereignissen wie 1968 oder der Wende. Gab es im Hinblick auf den Revolutionsbegriff beispielsweise Akzentverschiebungen von einer eher hegelianisch geprägten Vorstellung hin zu leninistischen Positionen nach der Wende, gab es eine Rezeption der doch in den achtziger hochentwickelten (und nach der Wende abgewickelten) historiographischen DDR-Revolutionsforschung (Kossok und andere)? Der Begriff des Postrevolutionären zum anderen lässt sich nicht zum wenigsten als Gegenmodell zum offiziösen Revolutionsverständnis der DDR mit seinen geschichtsphilosophisch-legitimatorischen Konnotationen begreifen. Allenfalls eine Seitenfrage ist die nach der literarischen bzw. dramenästhetischen Tauglichkeit von Revolutionsstoffen, die Hacks bekanntlich eher verneint hat. Resultat der Untersuchung sollen Thesen zu Hacks’ Revolutionsverständnis sein, die zu weitergehender Forschung sowohl zu Einzelwerken, einzelnen Schaffensperioden als auch etwa zu seiner Geschichtsphilosophie provozieren.


11 Uhr, Professor Jürgen Pelzer
„Bitte nicht erschrecken – Polit-Dramaturgie!“
Hacks’ operative Theaterkonzeption im kulturpolitischen Kontext der Jahre 1956 bis 1961

Zum Aufbau des Sozialismus in der DDR gehören von vornherein kulturpolitische Vorgaben (Stichwort "Sozialistische Kulturrevolution"), die auf praktischer wie theoretischer Ebene zu oft prononciert unterschiedlichen Positionen führen. Hacks nimmt nach seiner Übersiedlung sogleich höchst engagiert an diesen Debatten teil und entwickelt im Anschluss an Brecht und die sozialistisch inspirierte Avantgarde der zwanziger und dreißiger Jahre das Konzept einer operativen, „didaktischen“, bei den bestehenden gesellschaftlichen Widersprüchen ansetzenden Dramatik, um so den Sozialismus zu befördern. Analysiert werden zentrale theoretische Texte von Hacks ("Einige Gemeinplätze über das Stückeschreiben“,1956, und „Das realistische Theater“,1957) sowie einige der in diesen Jahren entstandenen Theaterstücke und Stückbearbeitungen (wie etwa Wagners Kindermörderin, Der Müller von Sanssouci, Ein guter Arbeiter, Die Sorgen und die Macht u.a.). Zum Vergleich werden auch andere in diesem Kontext entstandene Theaterstücke (von H. Kipphardt, C. und W. Küchenmeister, H. Müller) herangezogen.


11.45 Uhr, Dr. Kai Köhler
Peter Hacks zur Französischen Revolution

Der geplante Vortrag soll aus zwei Abschnitten bestehen. Der erste ist dem Fernsehspiel „Die unadlige Gräfin“ und dabei vor allem der Frage gewidmet, wie Volksdarstellung und Dramaturgie vermittelt sind. Während Hacks 1958 – bei sich bereits abzeichnendem klassischen Stückbau – Volksfiguren eine handelnde Rolle zuschrieb, dekretierte er 1989 in dem Essay „Die wissenschaftliche Gesellschaft und der Herr Nachbar“ im Zusammenhang möglicher Dramenstoffe aus der Französischen Revolution: „Ein erstklassiges Drama erkennt man daran, daß das Volk in ihm stört.“ Entsprechend zeichnet der zweite Abschnitt des Vortrags nach, welche Bedeutung die gewandelte Sicht auf die Französische Revolution für die ästhetischen und politischen Auseinandersetzungen hat, die Hacks seit dem Beginn der Romantikdiskussion führte.


12.30 Uhr, Jakob Hayner
Kunst und Revolution

Vor zwei Jahren wurde bei der Biennale in Venedig Karl Marx’ »Kapital« als »dramatische Performance«, gelesen. Kunst und Politik lassen sich nicht trennen, sagte der Kurator Okwui Enwezor dazu. Aber was macht denn die Verbindung von Kunst und Politik aus, wenn in ihrer Untrennbarkeit sowohl die Idee von Politik als Umsturz des Kapitalismus als auch die emphatische Idee von Kunst verschwindet? Statt Revolution und Kunst gibt es dann nur einen revolutionären Gestus im künstlerischen Feld. Es zeichnete Peter Hacks
 aus, dass er gegen einen solchen radical chic ein dialektisches Verständnis des Verhältnisses von Kunst und Revolution entwickelte. In seinem programmatischen Text »Kunst und Revolution« legte Hacks dar, dass Kunst die Antizipation geschichtlicher Möglichkeiten, Vorausgriff auf die Utopie der klassenlosen Gesellschaft ist. Daraus folgte für ihn, dass »die Kunst eine um so bessere Waffe sei, je bessere Kunst sie ist.« Wenn man sowohl die Kunst als auch die Revolution haben möchte, muss man auf ihrem getrennten Aufeinanderverwiesensein beharren – es besteht sonst die Gefahr, beides zu verlieren. In dem Vortrag soll anhand gegenwärtiger Betrachtungen zu Problemen von Kunst und Revolution Peter Hacks’ Auffassung befragt und deren Gültigkeit gezeigt werden.

 

Zweite Vortragsrunde, 14.30 Uhr bis 18 Uhr
Moderation: Martin Küpper

14.30 Uhr, Gregor Schäfer
Von der Revolution zur neuen Ordnung: Aspekte eines Problemzusammenhangs bei Hegel, Lukács und Hacks

Sowohl in Hegels als auch in Lukács’ und Hacks’ Denken der Revolution gilt Revolution nicht als ein Selbstzweck: Ihr Ereignis kann seinen vernünftigen Maßstab nur darin finden, den Raum zu eröffnen, innerhalb dessen sich die bestimmte Negation einer neuen, besseren Ordnung zu verwirklichen vermag. Anders als für Schiller, Fichte oder Hölderlin – und in Nähe zu Goethe – gehört so für Hegel zum Denken der Französischen Revolution konstitutiv auch die Epoche ihrer Konsolidierung als sittlicher Vernunftstaat. Für Lukács und Hacks stellt sich im Hinblick auf den Begriff der kommunistischen Revolution wesentlich die Aufgabe, diese dialektische Logik weiterzudenken: Die vom revolutionären Proletariat zu errichtende Ordnung zeichnet sich – im Gegensatz zur Anarchie, zu der die Französische Revolution geführt hat – durch eine neue Form von Geschlossenheit aus, die, in komplexer Verschiebung, geschichtsphilosophische Analogien zur antiken Polis und zum Absolutismus gestattet. Und es ist erst diese spezifische – durch die Unordnung der Revolution hindurchgegangene – Ordnung, die auch den Boden bereitet für den Formbegriff einer neuen ästhetischen Klassik: als die sittlich-ästhetische Versöhnung von Freiheit und Notwendigkeit, von Offenheit und Geschlossenheit.
    Ziel des vorliegenden Beitrags ist es, der Begrifflichkeit dieser Ordnung, wie sie sich für Hacks im Anschluss an Hegel und Lukács im Spannungsfeld von Geschichtsphilosophie, Theorie der Revolution und Ästhetik eröffnet, nachzugehen. Es ist – dies die These – dieser Ordnungsbegriff, in dessen Horizont bei Hacks Revolution und Kunst in ihr durchaus paradoxes Verhältnis treten: Das Verhältnis zugleich einer Bedingung als auch eines tiefen Widerspruchs.


15.15 Uhr, Johannes Oehme
Die Sowjetunion als Voraussetzung und Gegenstand des Hacksschen Werks

Es lässt sich leicht behaupten und schwer beweisen, dass die aus der Oktoberrevolution hervorgegangene sowjetische Staatlichkeit eine notwendige Voraussetzung für das Schaffen von Peter Hacks gewesen sei. Zum einen versucht der Vortrag zu klären, inwiefern sie es war und inwiefern nicht. Zum anderen soll rekonstruiert werden, welches Bild von der Sowjetunion Hacks pflegte und zeichnete, wie er die Geschichte der Sowjetunion sah und in welcher Weise sie Gegenstand des Hacksschen Werks wurde. Dafür sollen vornehmlich Essays ("Die wissenschaftliche Gesellschaft und ihr Herr Nachbar", "Georg Nostradamus oder Professor Fülberths Vorhersage", "Ascher gegen Jahn, Ein Freiheitskrieg") und Briefwechsel (mit Kurt Gossweiler, mit André Müller sen. u.a.) zu Rate gezogen werden.


16 Uhr, Felix Bartels
»Ein Lied von Ares und Aphrodite«.
Zur politischen Intention des Märchens „Liebkind im Vogelnest“

Die Deutung des Märchens „Liebkind im Vogelnest“ drängt sich geradezu auf: In den letzten Jahren der DDR verhandelt Peter Hacks darin den damaligen Zustand des Sozialismus und die Möglichkeiten, die allgemein spürbare Krise zu überwinden. „Liebkind“ bewegt sich dabei zwischen einem affirmativen Zugriff, der sich im wesentlichen einverstanden erklärt mit den Verhältnissen des Sozialismus (und insofern an die Gestaltungen der klassischen Phase erinnert), und einer Kritik an vorliegenden Missständen, die jedoch nicht als systembedingt, sondern als intern und kontingent (also behebbar) verstanden werden. Inwiefern bedeutet die geforderte Überwindung der Krise im Fall des Sozialismus, der seine Existenz einem umwälzenden Akt verdankt, ein Zurückholen revolutionärer Impulse? – In dieser Lesart scheint die Erzählung zum großen Teil aufzugehen. Ein genauerer Blick soll indes zeigen, dass das Thema des Märchens spezifischer ist. Der Autor fragt nicht bloß danach, wie sinnvoll eine Restauration der Revolution ist; er fragt, was das für die Kunst bedeutet.


16.45 Uhr, Hans-Edwin Friedrich
Zur Konzeptualisierung von "Revolution" und "Konterrevolution" in der Nach-Wende-Essayistik von Peter Hacks

Die Wende bedeutete für Hacks einen Einschnitt, der eine tiefgreifende Revision seiner politischen und geschichtsphilosophischen Vorstellungen erforderte, auf denen bekanntlich auch seine poetologischen und literaturpolitischen Vorstellungen basierten. Konkret stand von da an die Frage nach der Revolution erneut auf der Tagesordnung. Im Vortrag soll es darum gehen, in welcher Weise Hacks zeitgeschichtliche Phänomene als Revolution oder Konterrevolution begreift und mit welchen Überbauphänomenen er seine Diagnose verknüpft.

 

 

Auch in diesem Jahr wird es am Vortag der Tagung ein Arbeitstreffen für junge Wissenschaftler und Künstler unter der Leitung von Dr. Kai Köhler geben, bei welchem wissenschaftliche Arbeiten zum Werk von Peter Hacks und darüber hinaus Kunst- und Theaterprojekte vorgestellt und besprochen werden können.