Tagung 2018

Mensch sein ist Ursach sein
Realismus auf dem Theater

magnushaus Elfte wissenschaftliche Tagung der Peter-Hacks-Gesellschaft

Termin: Sonnabend, 10. November 2018
Ort:  Magnus-Haus, Berlin
Am Kupfergraben 7, 10117 Berlin-Mitte


Erste Vortragsrunde: 10 Uhr - 13.30 Uhr
Moderation: Detlef Kannapin


10.15 Uhr
Peter Schütze

RATSCHLÄGE FÜR ESCHE

Theaterkunst im Werk von Peter Hacks

Forderungen an die Regie: sie sind in einem Drama sowohl deutlich als auch - mehr oder minder - versteckt enthalten. Meist werden sie ignoriert. Bisweilen meldet der Dichter sich deshalb oder auch nur, weil er darüber nachdenken will, persönlich zur Sache. Oder er kritisiert das im Theater Erlebte und seine Haltung kommt im Verriss ex negativo zum Ausdruck.

Abgesehen vom Blick auf einige Stücke von Peter Hacks werden Briefe, Essays und satirische Texte (z.B. Die Geschichte meiner Oper) herangezogen. Mein Referat stellt Überlegungen darüber an, was bei der Inszenierung seiner Dramen beachtet werden sollte - als ein kleines Vademecum für Theaterleute. Shakespeares Hamlet formuliert es in seiner Ansprache an die players so: Die Schauspielkunst zeige in ihrem Spiegel (oder habe vorzuhalten) dem "very age and body of the time his form and pressure". Dahinter verbirgt sich nichts anderes als der Ruf nach Realismus, wie er auch aussehen mag, stilistisch. Und ich will nichts anderes versuchen, als bei Hacks Antworten auf die Frage "Qu'est-ce que le réalisme dans le théatre?" zu finden. 

 

11 Uhr
Thomas Wieck

Brecht, Hacks und der Realismus, oder
Was er wirklich wert war, der „Realismus“ von 1950 bis 1961 in der DDR

Ausgangspunkt ist ein Blick auf Brechts kulturpolitische Kämpfe in der DDR (1950-1954). Brecht behauptete gegen die ideologisch-politischen Zurechtweisungen, bemäntelt mit dem Schlagwort des „sozialistischen Realismus“, seinen historisch geschärften, praktischen Blick von unten auf die gesellschaftlichen und sozialen Konflikte und Krisen seiner Zeit in seiner Theaterpraxis. In diesem Zusammenhang wird die von Hacks 1957 verkündete und für ihn künftig unwandelbare Kunst-Maxime („Aber Realismus ist nicht verschönerte Wirklichkeit, sondern zeigt die Wirklichkeit als veränderbar, also schön“) befragt und als Ausgangspunkt seines Rückzugs hinter die Autorität der „Weimarer Klassik“ markiert. So hielt er sich zwar aus den Händeln des Tages, aber seine Dramatik nahm dabei einen irreparablen Schaden und verfiel der öffentlichen Wirkungslosigkeit, worüber auch sein Kassenerfolg nicht hinwegtäuschen konnte. Mit der Uraufführung von „Moritz Tassow“ 1965 war seine Theaterexistenz nurmehr peripher, durchaus auch Folge seines Missverständnisses der Theaterarbeit im Allgemeinen und der theaterästhetischen Überlegungen und Vorschläge Brechts im Besonderen.


11.45 Uhr
Kristin Bönicke

Das Verhältnis von Peter Hacks' Klassik- und Georg Lukács' Realismusbegriff im Umriss

In seinen poetologischen Schriften und den in der “Berlinischen Dramturgie” erschienenen Akademiegesprächen setzt Peter Hacks sich intensiv mit verschiedenen Realismusbegriffen und insbesondere dem von Georg Lukács auseinander. Dies soll Anlass sein, Hacks' Bezug auf Lukács' Realismuskonzeption näher zu beleuchten und dabei Unterschiede und Gemeinsamkeiten herauszuarbeiten. Wichtige Koordinaten bilden dabei die unterschiedlichen Gesellschaftsformationen, die die Grundlage des Denkens von Hacks und Lukács bestimmten und deren Einfluss sich in ihren theoretischen Konzeptionen geltend macht. Während Lukács' Denken maßgeblich vom Kampf gegen den Imperialismus geprägt ist und sich in seinem Werk in einer umfassenden Auseinadersetzung mit irrationalistischen Ideologien äußert, fußt Hacks' Poetologie auf dem Bewusstsein eines Sieges über den Imperialismus, wodurch die Auseinandersetzung mit vornehmlich innersozialistischen Widersprüchen in den Mittelpunkt seiner Beschäftigung rückt. Beiden gemeinsam ist indes der positive Rückbezug auf das bürgerlich-humanistische Erbe und diie Betonung der Kategorie “Totalität”, die im Werkbegriff ihren Ausgang nimmt.


12.30 Uhr
Felix Kupfernagel

Scheitern für den Aufbruch: „Moritz Tassow“ und die rückläufige Utopie als Selbstverständnis des Künstlers

Peter Hacks' Stück „Moritz Tassow“ verbindet vor allem das Szenario des Aufbaudramas mit der Figurenkonstellation aus Goethes „Torquato Tasso“. Dies geschieht nicht zufällig, sondern zur Vermittlung zwischen materialistisch-pragmatischen und utopisch-künstlerischen Parteien. Die Inszenierung des utopischen Künstlers als Epizentrum des Konflikts erschließt sich aus dem Plot des Dramas. Beachtet man jedoch Hacks' Thesen zu Goethes „Tasso“ erscheint noch eine weitere Perspektive: Das Drama stellt den Konflikt zwischen historischer Realität und Utopie als ästhetischen Orientierungsversuch für Hacks als Autor in der Gesellschaft der DDR selbst dar. Indem Hacks die pragmatischen Figuren Mattukat und Blasche über den Utopisten Tassow triumphieren lässt, wird das Primat der Realpolitik über die Utopie im Sozialismus manifest. Zugleich reflektiert Hacks im „Tassow“ die Rolle des Utopisten: Obwohl der Utopist Tassow als politischer Akteur an der fiktionalen Wirklichkeit des Stückes scheitert, ist dessen Utopie in der historischen DDR zur Zeit der Uraufführung real. Hacks erfasst damit seine Position als Künstler in der DDR, der als Poet sowohl einen historischen Stoff als auch eine Utopie realistisch verarbeiten muss. Der Vortrag wird sich darauf basierend der Frage stellen, wie und warum Poesie das Thema der Utopie in einem realistischen Szenario bearbeiten kann.

 


Zweite Vortragsrunde: 14.30 Uhr - 18 Uhr
Moderation: Constanze Kraft


14.30 Uhr
Julia Lind

Kinder brauchen keine Unterhaltung, sondern Poesie“

Diese Haltung ist für die Dramaturgin Christel Hoffmann, die lange Zeit am „Theater der Freundschaft“ in Berlin gearbeitet hat, wegweisend für das Kindertheater in der DDR. Insbesondere die Form des Mythos bzw. des Märchens galt Theatermachern geeignet, ein ästhetisches anspruchsvolles und gleichzeitig didaktisch kluges Theater für Kinder zu machen. Die Kinderstücke von Peter Hacks sind aus dieser Haltung heraus geschrieben, verhandeln sie doch Themen wie Solidarität, Freundschaft, Mut auf der Folie von mythologischen Stoffen.

In meinem Vortrag werde ich am Beispiel von „Die Kinder. Ein Kindermärchen in 3 Akten“ die ästhetische und didaktische Konzeption des Stückes unter Rekurs auf Programmatiken des Kinder- und Jugendtheaters in der DDR vorstellen und dabei die Bedeutung von Märchen in dieser stark von sowjetischen Theatermodellen beeinflussten Tradition diskutieren.


15.15 Uhr
Jens Mehrle

Das Theater der BERLINISCHEN DRAMATURGIE

Die in der Berlinischen Dramaturgie gesammelten Protokolle der von Hacks geleiteten Akademiearbeitsgruppen erscheinen auf den ersten Blick als Kompendium des Dramas, in dem die Fragen des Theaters vernachlässigt werden. Doch zeichnet sich in den verschiedenen Arbeitsgruppen auch die Kontur einer Hacksschen Theaterästhetik ab: Im Material der Arbeitsgruppe Dramatik finden sich Diskussionen über konkrete Aufführungen, in den Protokollen der Arbeitsgruppe Ästhetik werden übergreifende Kriterien eines Sozialistischen Realismus reformuliert, für die Seminare der Arbeitsgruppe Technik des Dramas ist das dialektische Verhältnis zwischen Drama und Theater die Grundlage. Gefragt werden soll, welche Ansätze sich hier für ein sozialistisches und realistisches Theater finden, und wie diese sich zur aktuellen Debatte um den Realismus auf dem Theater verhalten.


16 Uhr
Ronald Weber
Schluss mit den Hunden!
Peter Hacks’ Theaterkämpfe der1970er und 1980er Jahre
Peter Hacks verfügte über eine sehr genaue Vorstellung von realistischer Bühnenkunst. Dem zu Beginn der 1970er Jahre in der DDR aufkommenden Regietheater stand er entschieden ablehnend gegenüber, weil es dem »Genie« des Regisseurs und nicht dem Text oder der Fabel eines Stücks gehorchte. So geriet der Dramatiker bald in Streit mit den Regisseuren. Hacks löste das Problem der in seinen Augen falschen und sich immer weiter ausbreitenden Spielweisen auf zweierlei Art: Einerseits versuchte er auf verschiedenen Wegen, ihm genehme Regisseure durchzusetzen, andererseits bemühte er sich um ein eigenes Theater. Der Vortrag beleuchtet Hacks’ Theaterkämpfe der 1970er und 1980er Jahre anhand ausgewählter Beispiele vor dem Hintergrund von dessen ästhetischen Überzeugungen. Ausgehend von der These, dass der Dramatiker an seinem langsamen Verschwinden von den Bühnen nicht ganz unschuldig gewesen ist, wird aufgezeigt, wie der einstige Bühnenliebling in einen Prozess von Isolation und Selbstisolation geriet, an dessen Ende der Bruch mit der gegenwärtigen Institution Theater stand.


16.45 Uhr
Mirjam Meuser

Realismus versus Normpoetik – Die Widerspiegelung der Wirklichkeit in der gegenwärtigen dramatischen Produktion

Die rechtsopportunistische Forderung nach Vielfalt und Weite ist einfach der Gegenschwachsinn zu der linksopportunistischen Forderung nach Einfalt und Enge“, so Peter Hacks auf der Akademiediskussion Über sozialistischen Realismus heute vom 5. Mai 1978. In diesem Bonmot, mit dem Hacks seinem Unmut über die normpoetischen Diskussionen in der DDR von 1978 Ausdruck verleiht, spielgelt sich bezeichnenderweise, wenn auch unter umgekehrten Vorzeichen, unsere Gegenwart. Die von postmodernen Ästhetikern gebetsmühlenartig wiederholte Forderung nach „Vielfalt und Weite“, oft sekundiert von der Keule der Moral, vermutet hinter regelbewussteren Dramaturgien auf dem Theater nur zu oft die dogmatische „Einfalt und Enge“, die an dem Versuch, den Sozialistischen Realismus politisch durchzusetzen, zu beklagen war. Dagegen erscheint der Realismus, den Hacks damals als Gegengift gegen solche normpoetischen Übergriffe in Anspruch nahm, auch heute wieder als Mittel der Wahl – zumindest was die Theorie angeht: Das zeigen nicht zuletzt Bernd Stegemanns Lob des Realismus (2015) und die in der Folge von Theater der Zeit angestoßene Realismusdiskussion. Die Theaterautoren hingegen scheinen nicht selten die Flucht nach vorn anzutreten. Am Beispiel von Wolfram Lotz und Ferdinand Schmalz ist zu untersuchen, ob es die gegenwärtige dramatische Produktion so tatsächlich nur bis zur „unfreiwilligen“ Widerspiegelung der Realität bringt.


Die Tagungsgebühr beträgt 30 Euro/ermäßigt 20 Euro. Die Anmeldung zur Teilnahme an der Tagung kann schriftlich, telefonisch oder per E-mail bis 5.11.2018 erfolgen.
Sie ist zu richten an:
Peter-Hacks-Gesellschaft e.V., Frau Jutta Becker, Torstraße 6, 10119 Berlin. Tel. 030-23 80 91 29, E-mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!, oder: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

 Hacks Flyer 2018 Titel

Ausgewählte Referate der Tagung werden im Aurora Verlag veröffentlicht.

Mit freundlicher Unterstützung von:  Aurora Logo black       LogoEule