Die Familienanekdote

In kleinbürgerlichen Familien besorgt die Mutter am Sonnabend vormittag den Hausputz, währenddessen beschäftigt der Vater das Kind vermöge eines Spaziergangs. Hacks’ Vater bevorzugte als Ziel den Scheitniger Park, der sich an dem Hacks’ Wohnung entgegengesetzten Ende der Stadt Breslau befand.

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Ella Wengerowa bei einer Hacks-Lesung am 30. August 2018 in Moskau (Foto: PHG/Archiv)Sie ist eine der profiliertesten Germanistinnen Russlands – und nennt sich selbst eine „unverbesserliche Hacksianerin“. Wenn Hacks’ Werk dem russischsprachigen Publikum in den letzten Jahren etwas näher gerückt ist, dann ist das vor allem ihrem Engagement und ihren Übersetzungen zu verdanken. Am 24. Januar wird die Literaturprofessorin Ella Wengerowa 85 Jahre alt. – Eine Gratulation.

Wohl kein anderer russischer Literaturwissenschaftler hat sich so intensiv mit Leben und Werk von Hacks beschäftigt, kein anderer Übersetzer soviel von ihm ins Russische übertragen wie Ella Wengerowa. 1936 in Moskau geboren, studierte sie bis 1958 Germanistik an der Staatlichen Moskauer Lomonossow-Universität. Anschließend lehrte sie selbst an verschiedenen Moskauer Universitäten Deutsch und promovierte 1970 zur „Gutenbergfrage“. Danach war sie viele Jahre an der Russischen Staatlichen Universität für Geisteswissenschaften tätig, hatte dort eine Professur, arbeitete parallel an der Staatlichen Bibliothek für ausländische Literatur in Moskau, war Literaturkritikerin, Redakteurin und Herausgeberin im Verlag „Die Kunst“. Sie publizierte in zahlreichen Zeitschriften, so in der „Zeitschrift für internationale Literatur“ und in der Theaterzeitschrift „Leinwand und Szene“, in der sie die Kolumne „Die fünfte Dimension“ schrieb. 2016 erschien ein Band mit ihren Erinnerungen in Moskau.

Auch als Übersetzerin machte sie sich eine Namen, übertrug aus dem Deutschen, dem Polnischen und Niederländischen ins Russische, so Werke von Georg Büchner, Friedrich Dürrenmatt, Theodor Fontane, Walther Moers, Heiner Müller, Erich Maria Remarque, Günter Wallraff, Carl Zuckmayer und vielen anderen – und eben von Peter Hacks.

Hacks sei, beklagt Wengerowa, im russischsprachigen Raum viel zu wenig bekannt: „Germanisten kennen ihn natürlich. Sammelbände seiner Stücke, Balladen und philosophischen Erzählungen wurden (in ziemlich bescheidener Auflage) herausgegeben und waren schnell vergriffen. Aber zu Massenauflagen kam es leider nicht. Selbst die Gedichte und Märchen für Kinder können die Verleger nicht locken“, schreibt sie in einem Aufsatz über Peter Hacks. Dabei sei Hacks in seiner Wichtigkeit für die deutsche Literatur einem Goethe vergleichbar, sei „der deutsche Horaz und Catull, der deutsche Voltaire, der deutsche Shakespeare und Puschkin“. Gleich diesen, so ist Wengerowa überzeugt, reicht Hacks’ Bedeutung – den sie einen „König der deutschen Sprache“ nennt – über die deutsche Literatur, das deutsche Theater hinaus. „Ich erlaube mir zu behaupten, dass die Geschichte der deutschen Dramatik nicht reich an Komödien ist. Sie brachte keinen Komödiendichter hervor, der an Mächtigkeit einem Aristophanes, Plautus, Moliere, Shaw oder Ostrowski ebenbürtig ist. Nun hat sie Peter Hacks“, so Wengerowa in ihrem Aufsatz.

Ella Wengerowa bei einer Hacks-Lesung am 30. August 2018 in Moskau (Foto: PHG/Archiv)Dennoch schaut sie optimistisch in die Zukunft, sieht langsame Fortschritte in der Rezeption von Hacks in Russland, verweist auf erste kleine Erfolge. So seien in der letzten Zeit gleich in mehreren Städten Stücke von Hacks gespielt, in Nischni Nowgorod (ehem. Gorki) »Die Höflichkeit der Genies« und Teile der »Musen« im Rundfunk gesendet, der »Arme Ritter« im dortigen „Theater des jungen Zuschauers“ inszeniert worden. Allerdings blickt sie realistisch auf die Dinge und beantwortet die Frage, ob das viel oder wenig sei, mit „das ist schrecklich wenig“. Dennoch ist sie überzeugt, auch wenn Hacks derzeit zu wenig Beachtung erfährt, dass der deutsche Dramatiker für das künftige russischsprachige Theater von großer Wichtigkeit sein wird: „Früher oder später werden wir ein Theater, in dem es nur die Musik, die Plastik, das Licht, szenische Effekte, Schauspieler, Regisseure, sogar ein Publikum, aber kein Wort gibt, satt haben. Und dann brauchen wir Hacks. In diesem Sinne bin ich Optimistin, weil man in Russland bis jetzt Schiller, Hauptmann und sehr viel Brecht spielt“, schreibt sie. Und sie erinnert sich an persönliche Kontakte mit dem Dramatiker: „Vor seinem Tod schickte Hacks mir eine Sammlung seiner Werke. Mag sie auch unvollständig sein, aber sie existiert. Und wenn unsere Nachfahren vor geistigem Durst eingehen werden, können sie ihn aus dieser reinsten Quelle stillen.“

Diese Quelle zugänglich zu machen hat sich Ella Wengerowa zur Aufgabe gemacht. So liegen inzwischen viele seiner Werke in ihrer Übersetzung vor: Neben zahlreichen seiner Gedichte und Erzählungen übertrug sie Dramen wie »Columbus«, »Der Müller von Sanssouci«, »Margarete in Aix«, »Adam und Eva«, »Die schöne Helena«, »Der Bischof von China« und natürlich »Ein Gespräch im Hause Stein über den abwesenden Herrn von Goethe« ins Russische. In ihrer Herausgeberschaft erschienen Werke von Peter Hacks in bisher sechs Bänden, weitere sind in Vorbereitung. Aufführungen ihrer Übersetzungen laufen an Bühnen Russlands und der Ukraine. Für den im Verlag »Text« erschienen Gedichtband „Hundert Gedichte“ mit Nachdichtungen von 100 Gedichten von Peter Hacks ist sie im letzten Jahr mit dem Förderpreis des Goethe-Instituts ausgezeichnet worden.

Für die Peter-Hacks-Gesellschaft gratuliert deren Vorsitzender und sendet herzliche Grüße nach Moskau: „Liebe Ella Wengerowa, die besten Wünsche zum Geburtstag und viel Kraft und Gesundheit für weitere herausragede Übersetzungsleistungen. Ihr Matthias Oehme, auch im Namen der Peter-Hacks-Gesellschaft und des Eulenspiegel Verlags.“

 

(24.01.2021/bsj)

 


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