Gedichte - Archiv

Hier sehen Sie weitere Gedichte von Peter Hacks. Alle hier veröffentlichten Gedichte sind urheberrechtlich geschützt © Eulenspiegel Verlagsgruppe.

Triumphbogen in Paris verhüllt

FIN DE MILLENAIRE

Wer nie vom Schönen je vernahm, vermißt nichts.
Ein Bürokrat sucht Intendanten aus.
Müller kann nichts, weiß nichts, ist nichts.
Ein Irrer wickelt Lappen um ein Haus.

Ich gähne nur in jedem solchen Falle.
Gegen den Niedergang kommt keiner an.
Ich laß sie machen, weil ich sie nicht alle
In einem Dahmesee ersäufen kann.

Ja, wenn ich könnte. So verkroch ich mich
In einer Grotte des Jahrtausendendes,
Wo mich ein Schlafbedürfnis, ein horrendes,
Bis zur Betäubung übermannte. Ich,
Der ich rein körperlich zum Müdsein neige,
Vergebt mir, wenn ich keinen Zorn mehr zeige.

(aus Werke Bd. 1, Die Gedichte, S. 288)

 

Spätestens zu Pfingsten hört selbst bei den Riesen das Zanken auf. Also: frohe, friedliche Feiertage in die Runde – von Peter Hacks.

Der großen Riesen langer Tag

Im Winter da schlafen die Riesen,
Bewegen keinen Zeh.
Aus ihren Nasen kommen Wolken,
Die falln herunter als Schnee.

Im März erwachen die Riesen
Und setzen auf die Brill
Und ziehen an den Schlafrock.
Sie frühstücken im April.

Im Mai gehn sie spazieren
Nach Japan oder China.
Wenn sich zwei bei Lappland treffen,
Sagen sie: Ihr Diener.

Im Juni essen die Riesen
Gefüllte Ochsenbrust.
Sie halten Mittagsschläfchen
Von Juli bis August.

Im September ist Zirkus.
Da läßt sich sehen für Geld,
So groß als wie ein Kirchturm,
Der kleinste Riese der Welt.

Nach dem Oktoberbrot
Verdauen sies.
Sie rauchen braune Zigarren
Und sprechen das und dies.

Sie haben unschnelle Gedanken,
Einen in der Woch.
Fangen sie an zu zanken,
Zanken sie Pfingsten noch.

Sie saufen Grog im November,
Da wird es für sie Nacht.
Sie tanzen, daß die Erde dröhnt.
Sie sind halt nicht geschlacht.

Wenn der Dezember kommt,
Legen sie sich aufs Ohr
Und kommen vor dem Frühjahr
Nicht wieder vor.

So leben, so leben die Riesen
9000 Jahr.
Aber ein bißchen langsam,
Das ist schon wahr.

 

TRAUMSTADT

Baut eine Stadt, wo keine Pflicht noch Plage drückt,
Ein Dach der Muse, Heimstatt allem Heiteren,
Wo unbefragt ihr wandelt nach Woher, Wohin
Und euch das Schicksal immerwährend Körner streut.

Baut eine Stadt, in deren knospendem Gebälk
Die Liebe wehet wie in einem Blütenzweig,
Wo Herz zu Herzen still wie Ros zu Rose schwebt,
Vom Wind der reinen Neigung einzig hingelenkt.

Baut eine Stadt, erbaut sie nach der Träume Schnur,
Vom Stoff der Kühnheit, auf Entschlusses Fundament,
Wo ihr euch selbst begegnet, eurer Wirklichkeit,
Denn wie ihr leben wolltet, lebtet ihr ja nicht.

 

Der Hof von heute

DIE LÄCHERLICHEN UNPREZIÖSEN

Wie Morgenwolken lockenschön das Bett
Umstehn, woraus die Sonne sich erhebet,
So – daß sich Glanz im Widerglanz belebet –
Im allerköniglichsten Kabinett
Stand Ludwigs Adel: rosenrot und weiß.
Das Rot war Bolus und das Weiße Reis.

DAS RIESENQUARTETT

In fernem Land, in alter Zeit,
In einem Schloß aus Stein,
Da herrschten tausend Meilen weit
Drei Riesen im Verein.
Die waren nicht gut, die waren nicht nett,
Die spielten mit lebenden Menschen Quartett.