von Kai Köhler

10.15 Uhr

Hacks fasste die Konflikte in der späten DDR mit dem Gegensatz zwischen Vernunftstaat und romantischer Fronde. Nach 1989 gab er das Muster nicht auf, sondern spitzte seine Romantikkritik sogar noch zu. Doch während die DDR, trotz mancher Nickligkeiten im Detail, für historischen Fortschritt stand, fand sich Hacks nun in einem Staat, den er ablehnte. Er begriff die vergrößerte Bundesrepublik als Bestandteil eines geschichtlich überlebten, wenngleich noch zerstörerisch wirksamen Imperialismus. Der Vortrag soll klären, ob und in welcher Weise die veränderte Lage Hacks' Denken über den Staat beeinflusste, z.B. ob und wie er Momente des Rebellischen integriert. Besondere Aufmerksamkeit gilt dem wachsenden Gewicht der Außenpolitik, das sich mit „Liebkind im Vogelnest“ und „Jona“ bereits im letzten DDR-Jahrzehnt abzeichnet und später in den Stücken der Russentrilogie zeigen lässt. Ganz von der Abwehr des Imperialismus sind dann Hacks‘ letztes Drama „Der Bischof von China“ sowie das Dramolett „Phraates“ bestimmt.

 

von Nikon Kovalev

11.00 Uhr

„Bojarenschlacht“, „Tatarenschlacht“ und „Der falsche Zar“ – allesamt 1996 entstandene Stücke von Hacks – sind mit der Zeitgeschichte Russlands eng verbunden. In einem Brief an André Müller sen. heißt es: „Ich warte den Ausgang der russischen Präsidentschaftswahlen ab, um ein Zarendrama zu schreiben“. Im zweiten Stück „Tatarenschlacht“ ändert Hacks seinen Urstoff am besonders tiefgreifend (Hauptidee, Ende). Oserows Original ist ein patriotisches Konjunktur-Stück, Hacks’ Version ist dagegen eine Auseinandersetzung mit den Fragen: Was darf man in der Politik tun und was nicht? Und was bedeuten der Staat und die Heimat? Im Vortrag soll geklärt werden, was und zu welchen Zwecken Hacks mit Oserows Stück genau gemacht hat. Sowohl die russische Vorlage als auch eine deutsche Übersetzung aus dem 19. Jahrhundert, die Hacks kannte, werden mit seiner Bearbeitung verglichen. Besondere Aufmerksamkeit wird möglichen Parallelen mit der russischen Zeitgeschichte gewidmet.

 

von Felix Kupfernagel

12.00 Uhr

Hacks Umgang mit der Romantik lässt sich seit jeher als Dialektik des literaturästhetischen Phänomens und der diskursiven Einordnung der Romantik anhand ihres Personals und deren Politik erfassen. Phänomen und Diskurs haben sich bei Hacks in den besten Fällen sogar befruchtet und eine eigene Produktivität entwickelt.

Der „Ascher“ und die „Romantik“-Schrift – zwei große Essays, die es vor ’89 nicht hätte geben können – sind sowohl Ausdruck eines Defensivkampfes als auch einer polemischen Philologie, fast eines verzweifelten Positivismus: Zur Verteidigung des klassischen Erbes der DDR mussten alte Schriften reaktiviert werden. Kleinere Texte wie „Unter den Musen ...“ und „Goethes Schuld“ markieren gleichfalls einen Weg zur großen „Romantik“-Abrechnung.

Wo Hacks vor 1989 noch siegesgewiss und spielerisch gegen die Romantik gekämpft hat, taucht nun Verzweiflung am Gegenstand und dessen Folgen auf. Warum ist sein Essay zu Saul Ascher mehr als die „Unsitte von Künstlern, Individuen mit sich herumzuschleppen, an denen außer ihnen selbst kein Mensch etwas findet“? Was unterscheidet Hacks’ Romantik-Rezeption vor und nach ’89? Wie ist es um das klassische Erbe bestellt?

 

von Jakob Ole Lenz

12.45 Uhr

In seiner Ablehnung der Romantik bringt Peter Hacks in dem 1988 begonnenem und 1991 erschienenen Essay „Ascher gegen Jahn“ einen Autor in Stellung, der damals den wenigsten Geistes- und Sozialwissenschaftlern ein Begriff gewesen sein dürfte: den jüdischen Spätaufklärer und streitbaren Publizisten Saul Ascher (1767 – 1822). Auch in seinem polemisierenden Essay „Zur Romantik“ von 2001 stellt er Ascher noch einmal als Friedrich Ludwig Jahns „Gegenspieler in Berlin“ heraus. Schon der Klappentext von „Ascher gegen Jahn“ greift dabei die zur Erscheinungszeit „hochaktuelle“ deutsche Frage auf und verbindet sie lose mit Hacks‘ zentralem Kampf für die Klassik und gegen die Romantik.

Der Beitrag geht zunächst auf Ascher ein, von Hacks immerhin als „[e]iner von meinen Leuten“ vorgestellt. Dafür wird Hacks’ Relationierung von Ascher, Jahn und auch Johann Gottlieb Fichte in den Blick genommen, den Hacks durch die primäre Fokussierung auf Aschers Spätwerk zugunsten Jahns etwas zu beiläufig einführt. Im Anschluss wird ein Blick auf die Jahn-Forschung nach 1990 und ihre Reaktion auf Hacks‘ Essay geworfen und mit der Frage verknüpft, wie die neu gelöste nationale Frage in sowohl apologetischen als auch kritischen Jahnkreisen aufgenommen wurde.

 

von Jürgen Pelzer

14.30 Uhr

Im Beitrag soll Hacksens dritte Bearbeitung eines Aristophanes-Stücks analysiert werden. Sie unterscheidet sich in Form und Inhalt von den beiden vorhergegangenen. Anfang der neunziger Jahre ist ein bloßes Anknüpfen oder eine aktualisierende Adaption nicht mehr möglich. Die Vorlage mit ihrer Geißelung der ungleichen und ungerechten Zustände dient nur als Ausgangspunkt. Die Aristophanische Utopie einer leistungsgerechten Umverteilung teilt Hacks nicht. Statt dessen zeigt er vorausschauend, wie die Funktionsweise eines fortgeschrittenen, neoliberalen Kapitalismus Menschen und Beziehungen zerstört. Zu diesem Zweck baut er die Fabel um und modifiziert auch Herkunft und Rolle des Pluto, der jetzt als Geldgott zur Kenntlichkeit verändert ist.

 

von Ken Merten

15.15. Uhr

An der Oberfläche trennen Hacks und Ronald M. Schernikau in ihren Lebensweisen wie ihrer Literatur die eine oder andere Welt. In Sachen Kunstproduktion mögen Hacksens Lakonik- und Naturalismus-Vorwürfe gegenüber Schernikau den Eindruck unterstreichen. Doch der erste Blick trügt. Denn in Fragen der Politik und der Schönheit waren beide nicht nur bezüglich des antifaschistischen Schutzwalls und dessen vorzeitigen wie unnötigen Abrisses miteinander einverstanden. Mit dem Personal Schernikau und Hacks wird eine Zwei-Mann-Denkfabrik heraufbeschworen, die sich der Maßnahmen zur Überwindung der Langeweile annimmt, die Fehlleistung von André Müller sen. beim Wort nehmend: „… wenn wir nicht mehr tot sind“.

 

von Detlef Kannapin

16.15 Uhr

Das Dramolett „Der Parteitag“ ist eines der allerletzten Werke von Peter Hacks und gilt zu großen Teilen als misslungen. Vor allem ist der Dramatiker seiner eigenen Logik untreu geworden, Gegenwart und Politik niemals als Gegenwarts- und Politikstück abzuhandeln. Dennoch gibt es natürlich triftige Gründe, weshalb Hacks diese formvernachlässigende Unmittelbarkeit gewählt hat. Sie liegen, wie immer, in der Zeit und im Personal. Normalerweise findet der Weltgeist auch in finsteren Zeiten Persönlichkeiten; bleiben die aus, können nur noch exekutive Handstreiche helfen. Aber durch wen? Die Hoffnung, mittels eines weiblichen Shdanow das Rad der Geschichte wieder ins Fortschrittsgleis zu bringen, ist vergeblich. Der Beitrag analysiert neben dem Zeitbezug des Stückes auch ein politisch-historisches Wunschbild von Hacks am Ende seines Lebens, an dem die fröhliche Resignation in ohnmächtige umgeschlagen zu sein scheint.

 

von Rayk Wieland

17.00 Uhr

Es waren Strophen in klassischen Versmaßen, im Pionierliedton, im Sound Eichendorffs und mit donneskem Sarkasmus, die Peter Hacks mit Beginn des Jahres 1998 in „Konkret“ veröffentlichte. Die Rubrik nannte er „Jetztzeit“, ein pejorativer Pleonasmus, der den Livecharakter der Gedichte hervorhob und zugleich die Gegenwart, die Hacks schreibend ins Visier nahm, als bedauerliche Abweichung von der Norm des Weltgeistes zu kennzeichnen schien. Das Publikum der Zeitschrift reagierte überwiegend verständnislos.

Mehr als zwanzig Jahre sind seitdem vergangen, und es zeigt sich, die Gedichte sind nicht schlecht gealtert. Ihre kunstvolle Form hat sich als haltbarer erwiesen als die dissidentische Saison. Was kalkulierte Provokation war und stalinistisches Manufaktum, ist in den Hintergrund getreten und kaum noch brisant. Dem Verblassen historischer Debatten folgt die Legendierung von Geschichte. Könnte es sein, daß Hacks die Gedichte des Jetztzeit-Zyklus’ nicht so sehr an die Leser von Konkret richtete als an die Leser der Zukunft? Hacks, wenn er die Berliner Mauer als der Erdenwunder schönstes besingt, setzt einfach auf Zukunft. Genauer gesagt, auf die fernere Zukunft ...